Das Dilemma um die Rückkhehr des Vinyls

Das Geschäft mit der Schallplatte boomt. Die Verkaufszahlen steigen in die Höhe, immer mehr Tonträger werden gepresst und eigene Charts wurden eingerichtet. Doch diese Entwicklung wird nicht nur positiv gesehen – die Rückkehr der LP bringt gerade für kleine Plattenlabels Probleme mit sich.

Sie hängen an den Wänden wie Gemälde. In deckenhohen Regalen stehen nach Genre und Erscheinungsjahr aneinandergereiht Schätze aus schwarzem Gold. Verpackt sind sie in quadratischen Hüllen aus bunt bedruckter Pappe. Sie gleichen Kunstwerken – und an diesem Ort wird ihnen gehuldigt. Im Plattenladen Flight13 in Freiburg wird Vinyl verkauft. Und das bereits seit Ende der 80er Jahre. Damals war es die Liebe zur Schallplatte, die Käufer in den Store führte, heute ist es ein Trend.
In den letzten zehn Jahren gibt es einen regelrechten Vinyl-Hype. Der Verkauf des harten Wachses lohnt sich –allein in den ersten drei Quartalen diesen Jahres wurden alleine in Deutschland 1,4 Millionen Schallplatten verkauft, berichtet der Bundesverband der Musikindustrie (BVMI). Auch zu dem schon starken Vorjahr bedeutet das einen weiteren Anstieg um rund 25 Prozent. Auch wenn das starke Zahlen in einer stagnierenden Branche sind – die Zahl der CD-Veräußerungen geht weiter steil zurück – so bleiben die Schallplatten doch an der Gesamtzahl der verkauften Musik ein Nischenprodukt. Laut Florian Drücke, Geschäftsführer des BVMI beteiligt sich die Tonträger mit einem Umsatzanteil von 3,1 Prozent am Gesamtmarkt. Trotz dem reagiert die Industrie: Seit Oktober geben der BVMI und GfK Entertainment gemeinsam die offiziellen Deutschen Vinyl-Charts heraus.

Vinyl als Statussymbol

Den Boom erklärt der Geschäftsführer auch mit der Freude am physischen Produkt. In Zeiten von schnellen Streams und eiligen Downloads gilt das entschleunigte Ritual des Plattenauflegens als Gegentrend. Zur körper- und seelenlosen Datei macht sich ein hochwertiges Produkt in den Händen besser. Zudem entwickelt sich Vinyl als Statussymbol, Special Editions und Sonderpressungen wecken den Sammelinstinkt.
Doch dieser Trend kommt nicht für alle gelegen. Die Presswerke, von denen es in Europa zur Zeit nur noch fünf gibt, sind an den Grenzen ihrer Kapazitäten. Nach dem Einbruch der Produktion Ende der 1990er Jahre, als die Schallplatte als so gut wie ausgestorben galt, haben viele Betriebe ihre Maschinen verkauft. Die Werke, die noch produzieren, arbeiten mit alten Geräten, da sich eine neue Investition nicht lohnte. Das führt zu längeren Produktionszeiten. Darunter leiden vor allem kleine Labels. Eines davon gehört Thaddeus Herrmann. Der 43-jährige Musiker und Journalist gründete 1998 sein erstes Label. Das auf elektronische Musik spezialisierte Just Another Beat besteht seit sechs Jahren. Durch seine Erfahrungen in den letzten zwei Jahrzehnten kann er die Veränderungen der Vinylproduktion gut nachverfolgen. Dauerte früher eine gesamte Produktion vom Einsenden der Musik bis zur fertigen Platte zwischen vier bis fünf Wochen, so vergeht heute alleine diese Zeitspanne bis zu ersten Testpressung. „Die Wartezeiten sind seit dem Hype explodiert“, erklärt der Berliner Labelbetreiber. „Das hat zur Folge, dass wir die Auflagenhöhe besser einschätzen müssen, da eine Nachbestellung lange auf sich warten lässt“.
Die Produktion einer Schallplatte erfordert viele einzelne Arbeitsschritte. Vereinfacht muss die Musik abgemischt und auf eine Masterfolie übertragen werden. Von dort wird sie in den Presswerken auf das Vinyl gebracht.

Presswerke reagieren bereits

Die drei in Deutschland existierenden Presswerke, Pallas, Optimal und R.A.N.D., haben auf die Problematik reagiert. Bei Optimal, die seit 1990 Tonträger herstellen, galt früher eine Mindestauflage von 500 Stück. Heute sind auch Kleinstaufträge von 200 Platten möglich.
Für viele Indie-Labels, sei es Punk oder Techno, ist aber auch das zu viel.
Björn Bieber arbeitet mit dem Freiburger Musikladen Flight13 zusammen. Seine Liebe zu Vinyl trieb ihn an, eine eigene Pressmaschine zu kaufen, restaurieren und in Stand zu halten. „Damit nehmen wir nur Aufträge bis 100 Stück an, mehr schaffen wir gar nicht“, erläutert der Karlsruher seine Nische innerhalb der Nischenproduktion. Für ihn bedeutet der Trend und auch die Schwierigkeiten der kleinen Labels einen Aufschwung.
Der typische Schallplattenkäufer ist um die Vierzig, männlich und verdient gutes Geld. Im Schnitt kostet eine LP zwölf Euro mehr als eine CD oder eine MP3 – Limited Editions und Sonderausgaben ausgenommen. Für ihn wurden die Charts wiedereingeführt und für ihn lassen Majorlabels wie Universal und Sony hitverdächtige Musikalben auch Vinyl nachpressen.
Sonnenstrahlen fallen durch zwei Fenster und erhellen das Holz der Spanplattenregale. In ihnen lagern wie in einer Galerie Plattencover und Pop-Art-Skulpturen. Auf einem aus Paletten gebauten Tisch steht ein Plattenspieler. Der Bass wummert, automatisch fängt der Fuß zum Beat zu wippen. Marvin Schuhmann und Valentino Betz bedienen mit ihrem Label Public Possession in München eine andere Zielgruppe. Die beiden Jungs vertreiben elektronische Musik, zu ihren Kunden zählen Musiker, DJs und Liebhaber. Obwohl ihr Output höher als die Mindestauflage ist, haben sie in den letzten drei Jahren seit der Gründung die Veränderungen in der Produktionsdauer zu spüren bekommen.
„Da zwischen dem Einsenden der Masterfolie beim Presswerk bis zur eigentlichen Schallplatte in den Händen einige Monate vergehen, haben wir oft drei bis vier Platten in der Produktion“, erklärt Marvin Schuhmann die logistischen Schwierigkeiten. Das führt auch zu finanziellen Belastungen, „früher finanzierte so eine Scheibe die nächste, doch durch die langen Wartezeiten treten wir immer wieder in Vorkasse“. Für die jungen Münchener ist das durch die Querfinanzierung über den angeschlossenen Laden möglich.
Trotz aller Schwierigkeiten freuen sich die beiden über die starke Nachfrage – auch wenn sich die Entwicklung raus aus der Sparte für ihr Genre trotz des Trends nicht ergeben wird.

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Ein Gedanke zu “Das Dilemma um die Rückkhehr des Vinyls

  1. Pingback: Record Store Day: Kritik vorab – vinyl orchids

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