Besuch im Presswerk: 180 Gramm schwarzes Gold

Überspielen, schneiden, pressen: Der Weg von der Musik bis zur fertigen Schallplatte ist lang – und lebt von Handwerkskunst. Ein Besuch im Presswerk von Flight 13 Duplication.

Das Paradies liegt in einem Industriegebiet in Pforzheim. Man betritt es durch die Seitentür einer Oldtimerwerkstatt, läuft an einem beigefarbenem Benz, Baujahr 1970, vorbei, rechts abbiegen, Feuerschutztür zur linken. Sie fällt mit einem lauten Knall ins Schloss, der Geruch von abgestandener Hitze, geschmolzenem Plastik und längst getrocknetem Schweiß steigt in die Nase. Grüne, massive Maschinen, deren abblätternder Lack von vergangenen Zeiten voller Arbeit und Mühen erzählen, bilden mit Regalen und Eimern voller schwarzer Körner die Möblierung des Elysiums. Zumindest für einen Vinylliebhaber. Bis eine fertige Platte aus ihrer Hülle genommen werden, auf den Schallplattenspieler gelegt, die Nadel aufgesetzt und die Musik im Raum erklingen kann, liegt ein weiter Weg vor ihr. Viele Stationen sind notwendig – und große Handwerkskunst. Björn Bieber, Inhaber von Flight13 Duplications, lebt für Musik. Und von der Musik. Angefangen als Musiker, presst er inzwischen Schallplatten in Kleinauflage. Punk, Rap, Rock. Aus Liebe. Aber privat mag er dann nur Klassik hören – da fallen ihm die Fehler in der Produktion nicht auf. Seine Kunst ist etwas ganz Besonderes. Denn in Deutschland produzieren derzeit nur vier Presswerke im großen Stil.

 

Rille für Rille zum Musikerlebnis

 

Der lange Weg beginnt zunächst in Karlsruhe. Hier wird die aufgenommene und fertig abgemischte Musik schallplattengerecht aufgearbeitet. Jetzt kommt die Mystik ins Spiel – zumindest für Vinyl-Neulinge. Die Tonspuren müssen geschnitten und auf einen Träger gebracht werden. Bei Flight13 werden dafür Lackfolien verwendet. Beim sogenannten Lackschnitt wird die Tonspur als Rillen auf eine Scheibe aus Nitrozelluloselack geschnitten. Bieber legt dafür eine noch völlig glatte, im Licht spiegelnde Lackscheibe in die Schneidemaschine. Die Scheibe fängt an zu drehen und der Schneidekopf läuft von Innen nach Außen über die Oberfläche und schneidet die Musikinformation in Rillen ein. Diese Rillen brauchen Platz – je lauter und basslastiger der Sound, desto kürzer die Spielzeit.

 

 

Björn Biebers Schneidemaschine stammt aus dem Jahr 1983. Den Londoner Townhouse Studios hat er vor fünf Jahren das zuverlässige Stück abgekauft. Um eine Platte zu schneiden, braucht es rund 15 Minuten. Dabei wird akribisch Protokoll geführt, damit im Notfall jede Seite identisch nachgearbeitet werden kann. Die fertig überspielte Lackfolie wird anschließend weggeschickt und in verschiedenen Arbeitsschritten in der sogenannten Galvanik zu einem metallischen Abbild umgewandelt. Am Ende kommt für jede Seite der Schallplatte eine Matrize zurück. Erst auf ihr ist die Musik theoretisch zu hören. Bis dorthin können vier bis acht Wochen vergangen sein. Mit den Matrizen im Gepäck geht dann die Reise weiter. Sie führt nach Pforzheim.

 

Pressen – die schönsten Maschinen der Welt

 

In der Lagerhalle ist es anfänglich kühl. In einem großen Raum stehen die Herzstücke der Schallplattenproduktion: die Pressmaschinen. Björn Bieber hat zwei – eine Handpresse und eine Automatikpresse. Bis die Maschinen aufgeheizt sind, dauert es rund eine Dreiviertelstunde. Der Dampf, der für den Herstellungsvorgang so wichtig ist, muss auf das Grad genau temperiert sein. Seine Maschinen liebt Bieber, er wartet sie selbst und kennt ihre Eigenheiten und Macken. „Es sind die schönsten Maschinen der Welt“, erklärt er die Faszination. Die Leidenschaft ist nicht nur zeit- sondern auch kostenintensiv. Ist die Presse das Herz, so muss der Organismus darum herum tüchtig laufen, sonst bricht alles zusammen.

Rund 150.000 Euro hat Björn Bieber investiert – bei einer Produktion von Schallplatten mit einer Auflage von 100 Stück bleiben nur 200 Euro hängen. Leben kann er von dem Plattenpressen nicht – es ist eine Leidenschaft. Er hat schon immer Musik gemacht. Nach dem BWL-Studium arbeitete er in einem Plattenladen. Dann kam die Idee und er sagte zu seinem Chef: „Du verkaufst Platten – ich mache sie“. 2005 macht er sich selbstständig. Im Nachhinein sagt er, „zufälligerweise war ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“. Das Geld verdient er mit dem Schneiden der Musik. Eine Schallplatte zu pressen, das ist etwas für das Herz.

Inzwischen ist es heiß geworden im Raum. Aus einem großen Sack schüttet Bieber kleine schwarze Plastikkörner in den Rücken der Maschine. Sie werden im Bauch zu flüssigem Polyvinylchlorid geschmolzen und zu Tellern geformt, groß und schwarz wie ein Eishockeypuck. Diese sogenannten Kuchen wandern, mit den Label-Etiketten oben und unten bestückt, weiter in die Presse. Das schwarze Gold fühlt sich in diesem Stadium an wie Kaugummi. Es ist warm, zäh und formbar. Unter dem Druck von 120 Tonnen wird es in 26 Sekunden zu einer scheibe gepresst. Die vorher eingespannten Matrizen pressen oben die A-Seite und unten die B-Seite. Aus den 180 Gramm pro Platte wird in diesem Prozess der fertige Tonabnehmer. Die Maschinen donnern inzwischen, man kann sich nur noch mit erhobener Stimme unterhalten. Der Dampfkessel in der hintersten Ecke des Raumes dröhnt bedrohlich. Würde er explodieren, stände kein Haus mehr im nächsten Umkreis. Ein mulmiges Gefühl. Doch trotzdem: Bieber liebt seine aus Italien stammende Presse. Wenn er über sie redet, klingt es, als würde er von einer Geliebten sprechen. Routiniert nimmt er ohne hinzublicken die fertige Schallplatte dem Schwenkarm ab, packt sie in die Hülle und stapelt sie mit Kühlplatten zu einem Turm. Ein choreografierter Tanz mit dem schweren Gerät. Rund eine Stunde dauert es, bis eine Auflage fertig gepresst ist. Bis die fertigen Vinyls verschickt werden können, muss es noch 24 Stunden auskühlen. Dann treten sie ihre weitere Reise an. Landen in Plattenläden, um letztendlich von einem Liebhaber gekauft und angehört zu werden. Mit ebensolcher Liebe, mit der sie auch produziert wurden.

Flight13 Duplication

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